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Hans A. Rapp

Die „Tempelrolle“ vom Toten Meer und das „Neue Jerusalem“

Die Fragmente der Bibliothek am Toten Meer sind nun seit einigen Jahren vollständig publiziert. War man zu Beginn ihrer Erforschung davon ausgegangen, daß es sich um das Schrifttum einer bestimmten klosterähnlichen Gemeinschaft gehandelt haben mußte, so ist das Urteil nun differenzierter geworden. Es ist offensichtlich, daß nur ein Teil der Schriften von der Gemeinschaft verfaßt wurde, die am Rande des Toten Meeres lebte. Das Studium der Texte dieser Gemeinschaft hat zu Tage gebracht, daß auch diese Gemeinde über die Jahre eine Entwicklung durchgemacht hat.1 Die Fragmente der Bibliothek aus Qumran erlauben es auch, die Gemeinde in der judäischen Wüste in den Zusammenhang einer weiteren religiösen Entwicklung des antiken Judentums einzuordnen, über die wir in der Zeit vor 1947 lediglich durch verstreute zeitgenössische Quellen informiert waren, die zudem jeweils eigene Gruppeninteressen verfolgten, wenn sie über andere Strömungen schrieben.

Die ältesten neu entdeckten Schriften aus Qumran, die nicht in den biblischen Kanon Eingang fanden, werden heute in das 3. vorchristliche Jahrhundert datiert, in eine Zeit, aus der sonst nur sehr wenige schriftliche Zeugnisse überliefert sind.2 Einzelne dieser Texte, wie etwa das äthiopische Henochbuch oder das Jubiläenbuch, wurden auch durch christliche Gemeinschaften überliefert. Sie geben Einblick in lebhafte Auseinandersetzungen vor allem unter verschiedenen Gruppen der Jerusalemer Priesterschaft, die die Elite der jüdischen Gesellschaft in jener Zeit bildete. Es ist deutlich geworden, daß die Auseinandersetzung um die Deutung und die Weiterentwicklung der Halacha im Zentrum des Diskurses stand, dessen Fragmente am Rande des Toten Meeres gefunden wurden. Es ging um die Definition und Abgrenzung dessen, was Israel sein sollte.

Die große Schrift, die in der elften Höhle von Qumran gefunden wurde und der Yigael Yadin den Namen „Tempelrolle“ gegeben hatte3, überraschte die wissenschaftliche Gemeinde dadurch, daß eine nichtbiblische jüdische Schrift vorlag, die eindeutig den Anspruch hatte, Tora, Weisung, zu sein. Sie schrieb sich damit die Bedeutung der fünf Bücher Mose zu. Die Tempelrolle ist ein Rechtskorpus, das Vorschriften zu den Tempelanlagen, dem Tempelbetrieb und dem Kult enthält. Daneben finden sich auch allgemeinere Vorschriften zum Leben im Land Israel, analog den Vorschriften des biblischen Buches Deuteronomium. Diese Weisungen sind aus einer priesterlichen Perspektive geordnet: In der Welt der Tempelrolle bildet das Allerheiligste des Tempels den Mittelpunkt aller Dinge, und so beginnt auch die Tempelrolle mit den Weisungen zum Allerheiligsten und schreitet von innen nach außen voran bis zu den Grenzen Israels, das den „heiligen Gesamtbereich“ ausmacht (8).4 Zahlreiche Fragen zur Tempelrolle sind in der gegenwärtigen Forschung allerdings noch offen: umstritten ist vor allem die Datierung und Herkunft und damit zusammenhängend die Frage nach ihrer Gesamtinterpretation.

Wer die dritte Auflage der „Tempelrolle vom Toten Meer“ des emeritierten Kölner Judaisten Johann Maier mit der ersten Auflage aus dem Jahr 1978 vergleicht, erhält eine Ahnung, welche Entwicklung die Qumranforschung seit jener Zeit genommen hatte. Dies wird bereits im Titel sichtbar, der neben der Tempelrolle auch auf das „Neue Jerusalem“ (1Q 32; 2Q 24; 4Q 454–455; 5Q 15; 11Q 18) verweist, einen nur fragmentarisch erhaltenen Text, der ein visionäres Bild der heiligen Stadt Jerusalem in der Tradition von Ez 40-48 entwirft und daher Ähnlichkeiten mit der Tempelrolle aufweist. Dieser Text war zur Zeit der Publikation der ersten Auflage nicht greifbar. In der Zwischenzeit wurden auch das zweite Manuskript der Tempelrolle (11Q 20) und weitere verwandte Texte veröffentlicht, die 1978 noch unzugänglich waren. Während Maier 1978 noch auf eine Bibliographie verzichten konnte, nimmt der bibliographische Teil in der vorliegenden neuen Übersetzung fast dreißig Seiten ein (XVII–XLV). Auch die Einleitung ist von 24 auf 53 Seiten angewachsen. Während die Erläuterungen in der ersten Ausgabe insgesamt nach der Übersetzung angefügt wurden, hat Maier die Kommentierungen und Anmerkungen direkt in den Übersetzungsteil hineingenommen.

In der Einführung geht Maier auf die Geschichte der Entdeckung und Erforschung der Tempelrolle ein und gibt dann einen Überblick über den Inhalt und die Systematik (1–51). In diesem Teil ist eine ausführliche Gliederung der Schrift zu finden (10–20). In weiteren Kapiteln geht er auf die Quellen und die Redaktion der Tempelrolle (20–35), auf das Verhältnis der Tempelrolle zu anderen frühjüdischen Schriften (35–40), auf Sprache und Stil (41–43), dem Traditionszusammenhang (43–47) und der Datierung ein (47–51). Maier unterscheidet vier große Quellenkomplexe: den Rahmen (Kol. 2 und eventuell ein nicht überlieferter Schluß), einen „Tempelplan und Opferkultkomplex“ (Kol. 3–47), eine Gesetzessammlung zu Reinheit, Rechtswesen und Kult (48,?–54,7) und eine Sammlung mit Weisungen, wie sie sich auch in Dtn 13–23 findet.

Maier setzt die Endredaktion relativ früh auf den Beginn des 2. Jh. v. Chr. und damit in vorqumranische Zeit an. Die Quellen und erst recht die einzelnen Rechtssatzungen für sich sind damit aber noch nicht kontextualisiert. Sie können aus wesentlich früheren Stadien israelitisch-jüdischer Rechtsentwicklung stammen. Konsequenterweise muß jede literarische Einheit zunächst einmal für sich betrachtet und auf ihr Verhältnis zu Parallelen – etwa biblischen Quellen – geprüft werden. Erst im Anschluß daran sollte der redaktionelle Prozeß beschrieben werden, der zu den größeren Einheiten geführt hat. Dies sind auch die methodischen Voraussetzungen der modernen Bibelauslegung. Maier sieht die Tempelrolle und ihre Quellen aufgrund der integrierten Materialien und deren Profilierung als ein Produkt innerpriesterlicher Auseinandersetzungen, die die gesamte persisch-hellenistische Zeit latent waren und die in nationalen und internationalen politischen Wendezeiten akut wurden. Der Beginn des 2. Jh. v. Chr. war mit dem Wechsel Palästinas vom ptolemäischen zum seleukidischen Machtbereich eine solche Wendezeit. Die Tempelrolle besteht aus Gesetzestraditionen einer dieser priesterlichen Fraktionen, aus denen sich in späterer Zeit die Qumranbewegung entwickelt hat. Im Laufe der Entwicklungen hat sich diese Funktion verändert: aus angewandten Weisungen wurde ein Idealentwurf, dem eine „kritische Funktion gegenüber realen Gegebenheiten des historischen ersten und zweiten Tempels“ innewohnte (63).

Den Hauptteil des Buches macht Übersetzung und Kommentierung der großen Handschrift 11Q 19 aus (52–293). Darauf folgt die Übersetzung der zweiten Handschrift der Tempelrolle 11Q 20 (294–314). Kursiv- und Fettdruck sowie Unterstreichungen zeigen die Übereinstimmungen der beiden Textzeugen der Tempelrolle an. Die Übersetzung und eine recht kurz gehaltene Kommentierung der sechs Fragmente des „Neuen Jerusalem“ bilden das Ende des Hauptteils des Buches (316–339). Ein Stellenregister schließt das Werk ab (340–350). Die Übersetzung des Textes beruht auf der Gesamtübersetzung der Texte vom Toten Meer5, allerdings konnte sich Maier für diese Ausgaben auf die neue Edition von Elisha Qimron stützen, die aber keine wesentlichen, bis dahin unbekannten inhaltlichen Modifikationen mit sich bringt.6 Mit 11Q 18 integriert Maier für das „Neue Jerusalem“ ein zusätzliches Fragment.

Bei der Lektüre des scharfsinnigen und materialreichen Kommentars fällt ein fast polemischer Unterton auf. Tatsächlich schlägt Maier einen Ansatz vor, den er in den vergangenen Jahren anhand verschiedener Qumrantexte entwickelt hat und der sich als roter Faden durch den gesamten Kommentar hindurchzieht. Gewöhnlich gehen die Kommentatoren davon aus, daß die Tempelrolle – wie angeblich alle frühjüdische, ,nachbiblische‘ Literatur – eine Art von Auslegung der mosaischen Tora ist. Wenn die Tempelrolle als ,Tora‘ auftritt, so soll das den Anspruch der ,Sekte' auf die richtige Auslegung der Tora des Mose unterstreichen. Inhaltlich wird die Schrift aber als eine Auslegung des biblischen Pentateuch betrachtet und auch so interpretiert.

Für Maier greift diese Methode zu kurz, denn sie übersieht, daß wir über das Ausmaß der Tradition in frühjüdischer Zeit nur sehr spärlich informiert sind. Gerade die Texte aus Qumran belegen jedoch, daß es in den letzten Jahrhunderten v. Chr. einen lebendigen Prozeß der Gesetzgebung gegeben haben mußte, in dem der Pentateuch, nur einen, wenn auch gewichtigen, Teil bildete. Für die anfallenden Fragen und Probleme mußte dieses Recht jedoch weiterentwickelt werden. Tora/Weisung wurde in priesterlichen Kreisen je nach Bedürfnis erteilt, da ja die biblischen Weisungen längst nicht alle Lebensbereiche des frühen Judentums zu regeln imstande waren.

Die Tempelrolle ist nach Maier ein weiterer Teil dieses lebendigen rechtlichen Prozesses und es ist daher sachlich irreführend, solche Schriften auf eine bloße Auslegung biblischer Texte zu reduzieren, zumal es die ,Bibel‘ als ausschließliches und einziges Dokument der Offenbarung vor den ersten nachchristlichen Jahrhunderten einfach nicht gab. So repräsentiert die Tempelrolle „eine unter bestimmten Gesichtspunkten erstellte Fassung von (und nicht der) ,Tora‘ neben anderen, keine alternative, sondern eine komplementäre Fassung zu Texten ähnlichen Inhalts in und außerhalb des Pentateuchs, aber beachtenswert systematisch geordnet und ebenfalls eingebettet in den heilsgeschichtlichen Rahmen einer Offenbarung an Mose“ (47).

Dies hat auch für die Interpretation einzelner Stellen Konsequenzen. Übereinstimmungen mit biblischen Texten weisen nach Maier nicht unbedingt auf ein Abhängigkeitsverhältnis seitens der Tempelrolle hin, sondern können ebensogut oder sogar besser durch Traditionen erklärt werden, die sowohl den biblischen als auch außerbiblischen Texten vorlagen (54 f., 58 f., 87, 89, 91, 101 f., 103, 104, 109 u. ö.). Das gleiche gilt für die Differenzen zum Pentateuch. Für das umfangreiche Material zum Tempel und Kult existieren zwar biblische Parallelen, doch gerade die priesterschriftlichen Passagen in Ex 25 ff. und 35 ff. machen das Problem besonders deutlich: Sie handeln ausdrücklich nicht vom Tempel, sondern vom Zeltheiligtum in der Wüste, auch wenn der reale Tempel das Vorbild geboten haben mochte. Auch Ez 40–48 bietet die Vision eines idealen Tempels, allerdings in einem deutlich eschatologischen Zusammenhang. Offensichtlich ist, daß umfangreiches Wissen um den vorexilischen Tempel existiert haben mußte, daß es aber auch detaillierte Reflexionen zum Neubau des Tempels bzw. dessen kontinuierlichen Ausbau in persischer Zeit gegeben hatte, gar nicht zu reden vom Know-how, das in der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. für die Realisierung des herodianischen Tempels vorauszusetzen ist.

Die Verfasser der Tempelrolle bzw. ihrer Quellen mußten über einen weit umfangreicheren Traditionsstrom verfügt haben als nur den der biblischen Texte. Wer sich auf das Verhältnis der Tempelrolle zu den biblischen Texten oder sogar nur zu den pentateuchischen Quellen beschränkt, bekommt diese Situation nicht in den Blick. Diesem Ansatz entsprechend interpretiert Maier die Texte der Tempelrolle vorwiegend im Hinblick auf die kultische Funktionalität ihrer Vorschriften im Rahmen der regionalen Kultarchitektur, was wiederum dem Verständnis des sperrigen Textmaterials dient. Das Problem dieses Ansatzes ist allerdings, daß diese umfassenden Traditionen der Zeit des Zweiten Tempels nicht bekannt sind und Aussagen daher zwangsweise hypothetisch sind. Es besteht kein Zweifel, daß die biblischen Traditionen zwar nur einen Bruchteil der umfassenden erzählerischen und gesetzlichen Überlieferungen des antiken Judentums in persischer und hellenistischer Zeit ausmachen, doch ist nur schwerlich ein Nachweis für die einzelnen Traditionen zu liefern. Der Kommentar denkt diese Möglichkeiten an, die Entwicklung der Methoden und deren Anwendung auf die Texte wären in zahlreichen Einzeluntersuchungen noch zu leisten.

Abgesehen von kleinen technischen Layoutproblemen, die in einer Neuauflage behoben werden sollten, ist der Kommentar von Johann Maier in seiner provokanten Art für das Studium der Tempelrolle und ihrer Problematik unerläßlich.


Dr. Hans A. Rapp ist Bildungsleiter im Bildungshaus Gutenberg in Balzers/FL. Er studierte Theologie und Judaistik in Luzern, Jerusalem und Wien und war Assistent im Fachbereich Bibelwissenschaft und Judaistik in Luzern und Salzburg. Der Beitrag ist eine ausführliche Kommentierung des Buches von Johann Maier, Die „Tempelrolle“ vom Toten Meer und das „Neue Jerusalem“. 11Q 19 und 11Q 20; 1Q 32, 2Q 24, 4Q 554–555, 5Q 15 und 11Q 18. Übersetzung und Erläuterung. Mit Grundrissen der Tempelhofanlage und Skizzen zur Stadtplanung. UTB 829. Ernst Reinhardt Verlag, München 31997. LVI und 350 Seiten. Vgl. auch frühere Rezension des Autors von Veröffentlichungen zu den Schriften vom Toten Meer im Freiburger Rundbrief: 2(1995)214–217; 4(1997)57–59; 5(1998)45–46; 6(1999)136–137; 9(2002)55–56, 150-152, 289–291; 10(2003)139–141.

  1. Vgl. dazu die hervorragenden Einführungen von Hartmut Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Freiburg 1993; James C. VanderKam, Einführung in die Qumranforschung. Geschichte und Bedeutung der Schriften vom Toten Meer, UTB 1998; Göttingen 1998. Einen tieferen Einblick in die einzelnen Themengebiete geben die von Peter W. Flint und James C. VanderKam herausgegebenen Bände der Aufsatzsammlung The Dead Sea Scrolls After Fifty Years. A Comprehensive Assessment, Leiden 1998–1999.
  2. Vgl. Michael E. Stone, „The Axis of History at Qumran“, in: Esther Chazon, Michael Stone (Hg.), Pseudepigraphic Perspectives: The Apocrypha and Pseudepigrapha in Light of the Dead Sea Scrolls. Proceedings of the International Symposium of the Orion Center for the Study of the Dead Sea Scrolls and Associated Literature, 12-14 January 1997, Leiden 1999, 133–149.
  3. Dazu die Erstausgabe durch Yadin mit hebräischen Kommentaren: Yigael Yadin, The Temple Scroll. 3 Vols., Jerusalem 1977.
  4. Die folgenden Anmerkungen in Klammern beziehen sich auf das hier vorgestellte Buch von Johann Maier, Die „Tempelrolle“ vom Toten Meer und das „Neue Jerusalem“.
  5. Johann Maier, Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer. 3 Bände, München 1995–1996.
  6. Vgl. Elisha Qimron, The Temple Scroll. A Critical Edition with Extensive Reconstructions, Beer Sheva/Jerusalem 1996.

Jahrgang 10 / 2003 Heft 3 Seite 196−201.


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